Hauptseite > Meldung, komplett

Ein verräterischer Witz: Wolfgang Schäuble und die Flüchtlinge

(Kommentare: 0)

Grenze zwischen Ungarn und Serbien (Bild: Freedom House)

"Ich hab gesagt, als ich in Peru war, in Lima bei der IWF-Tagung, ich könnt' ja schnell nach Chile fliegen - ist nicht mehr so weit und die Frau Honecker lebt ja noch - und fragen, wie hat's eigentlich der Erich gemacht mit der Mauer?"

 

Wenn Wolfgang Schäuble an die Flüchtlinge und die europäische Reaktion auf diese denkt, fällt ihm also die Mauer um Berlin und der eiserner Vorhang ein, die einstmals die realsozialistischen Staaten vor der westlichen Welt abschirmen sollten.

 

Wolfgang Schäuble mag es als humorvoll erleben, aber Humor gibt oftmals Einblick in tatsächliche Denkstrukturen und Zusammenhänge, die nicht selten in der Politik aus machtstrategischen Gründen ansonsten gegenüber der Öffentlichkeit verschwiegen, ausgeblendet oder sogar verdreht werden.

 

      Wolfgang Schäuble (Bild: Euku)

tl_files/menschenrechte/Wolfgang_Schuble_5.jpg

 

  Auf Menschenrechte.eu hatten wir uns der Vergleichbarkeit des eisernen Vorhanges von  einst mit der aktuellen Abschottung Europas gegenüber den Flüchtlingen bereits vorher gewidmet:

 

Einstmals verurteilten die westlichen Staaten mit moralischer Emphase den eisernen Vorhang, den die realsozialistischen Länder erbauten. Die Todesfälle an den Außengrenzen der realsozialistischen Welt wurden zu Tötungsdelikten erklärt. Der eiserner Vorhang wurde zum Synonym eines Unrechtssystems. … Was aber ist der moralische Unterschied, Menschen, die hinauswollen, einzusperren, oder aber Menschen, die aus drängender Not hineinwollen, auszusperren? An den Außengrenzen Westeuropas verlieren Menschen ihr Leben, Tag für Tag. Sie wurden ihrer Hoffnungen beraubt, blieben in ihrer Verzweiflung ungesehen, als sie ihren Überlebenskampf verloren. … Was sich heute an den Außengrenzen West-Europas abspielt, ist Menschenvernichtung durch Abwehr und Unterlassung. Sollte eines Tages eine menschenwürdige und solidarische Weltordnung entstehen, wird diese nur mit Erschütterung und Abscheu auf eine europäische Union zurückblicken können, die auf ihre moralische Überlegenheit pochte, während sie gleichzeitig Menschen, die sie retten konnte, dem Tode preisgab.


Heute mag es den Verantwortlichen undenkbar erscheinen - aber sollte doch noch ein Europa und eine Weltordnung auf der Grundlage von Menschlichkeit und Solidarität entstehen: Wer sagt, dass dann nicht Verantwortliche für die Abschottung Europas und das Massensterben im Mittelmeer, wie Wolfgang Schäuble, ebenso wegen Todschlags verurteilt werden werden wie Verantwortliche der DDR für Mauer und Stacheldraht? Wolfgang Schäuble und wir alle - dies zeigt sein Witz - sind sich der Vergleichbarkeit durchaus bewusst. Denn sonst würde seinen Witz niemand verstehen!

 

Berliner Mauer: Symbol für Menschenverachtung, aber längst weniger tödlich als die heutige Abschottung Europas (Foto: Clément Belleudy)

tl_files/menschenrechte/berlinermauer.jpg

Zurück

Einen Kommentar schreiben